Superressourcenaktivierung mit Gefühlskarten
Was sind Superressourcen?
In dieser Übung arbeiten wir mit sogenannten Superressourcen – emotionalen Zuständen, die besonders stark auf unser Erleben, unsere Motivation und unser Verhalten wirken. Grundlage dafür ist der Motivkompass nach Dirk W. Eilert, ein emotionspsychologisches Modell, das beschreibt, nach welchen grundlegenden Motiven Menschen handeln und Entscheidungen treffen.
Der Motivkompass – vier neurobiologische Grundmotive
Die moderne Motivations- und Emotionsforschung zeigt, dass menschliches Verhalten nicht zufällig entsteht, sondern eng mit grundlegenden motivationalen Systemen im Gehirn verbunden ist. Im Modell des Motivkompasses werden diese in vier zentrale Grundmotive zusammengefasst:
- Durchsetzung und Einfluss
Dieses Motiv beschreibt das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Kompetenz. Menschen möchten Einfluss nehmen, Ziele erreichen und erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat. - Ordnung und Stabilität
Hier steht das Bedürfnis nach Sicherheit, Verlässlichkeit und Orientierung im Mittelpunkt. Menschen wollen die Welt verstehen und Vorhersagbarkeit erleben. - Harmonie und Geborgenheit
Dieses Motiv betrifft soziale Verbundenheit, Nähe und Zugehörigkeit. Beziehungen und ein Gefühl von emotionaler Sicherheit sind zentrale Aspekte. - Inspiration und Leichtigkeit
In diesem Feld geht es um Freude, Neugier, Spiel, Kreativität und Lust am Entdecken.
In jedem dieser Motivfelder liegen zahlreiche Bedürfnisse, die unser Verhalten steuern. Beispiele sind Kreativität oder Träumen im Bereich Inspiration, Erfolg und Mut im Bereich Durchsetzung, Mitgefühl und Wärme im Bereich Harmonie oder Sicherheit und Zuverlässigkeit im Bereich Ordnung.
Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, erleben wir häufig angenehme Emotionen. Werden sie dagegen dauerhaft frustriert, entstehen eher unangenehme Emotionen. Emotionen lassen sich deshalb auch als Hinweissystem für erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse verstehen.
Emotionen als Orientierungssystem
Emotionen sind kein Zufallsprodukt unseres Erlebens. Sie erfüllen eine wichtige Funktion:
Sie informieren uns darüber, ob unsere Grundmotive gerade erfüllt oder verletzt werden.
- Freude kann anzeigen, dass etwas gelingt oder ein Bedürfnis erfüllt wurde.
- Ärger kann darauf hinweisen, dass ein Ziel blockiert wird.
- Angst signalisiert mögliche Gefahren oder Unsicherheit.
- Trauer weist häufig auf Verlust oder Rückzug hin.
Diese emotionalen Signale zeigen sich kulturübergreifend in ähnlichen mimischen Ausdrucksmustern. Die Forschung zur universellen Emotionsexpression konnte zeigen, dass grundlegende Emotionen weltweit in vergleichbaren Gesichtsausdrücken erkennbar sind.
Warum diese Übung wirkt?
In der Übung betrachten Musiker Karten mit emotionalen Ausdrucksformen in Mimik und Körpersprache. Sie wählen diejenigen aus, die für sie besonders stark mit den jeweiligen Superressourcen verbunden sind.
Dieser Ansatz nutzt mehrere neuropsychologische Mechanismen:
1. Aktivierung emotionaler Netzwerke
Emotionale Ausdrucksformen können im Gehirn ähnliche Aktivitätsmuster auslösen wie das tatsächliche Erleben der Emotion. Das bedeutet: Allein das Wahrnehmen einer emotionalen Haltung kann entsprechende emotionale Netzwerke aktivieren.
2. Spiegelneuronen und soziale Wahrnehmung
Das menschliche Gehirn reagiert sensibel auf die Emotionen anderer Menschen. Wenn wir emotionale Ausdrucksformen beobachten, werden teilweise die gleichen neuronalen Systeme aktiv, die auch beim eigenen emotionalen Ausdruck beteiligt sind. Dadurch kann das Betrachten einer Emotion deren inneres Erleben erleichtern.
3. Embodiment – Körper und Emotion sind verbunden
Emotionen sind eng mit Körperhaltung, Atmung und Muskelaktivität verbunden. Bereits kleine Veränderungen in Körperhaltung oder Gesichtsausdruck können emotionale Zustände beeinflussen.
4. Aufmerksamkeitslenkung und emotionale Priming-Effekte
Wenn eine Emotion bewusst in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn passende emotionale und motivationale Netzwerke aktiviert.
Superressourcen und das Ressourcennetzwerk
Die Arbeit mit Superressourcen hat ein klares Ziel: das persönliche Ressourcennetzwerk zu stärken. Unter einem Ressourcennetzwerk versteht man die Gesamtheit aller inneren Zustände, Erfahrungen und emotionalen Kompetenzen, auf die ein Mensch in herausfordernden Situationen zurückgreifen kann.
Zu diesen Ressourcen gehören zum Beispiel Gefühle wie Stolz, Sicherheit, Dankbarkeit oder Ehrfurcht, aber auch Erinnerungen an gelungene Situationen, unterstützende Beziehungen, Fähigkeiten oder körperliche Zustände von Ruhe und Stabilität. Je stärker und vielfältiger dieses Netzwerk ist, desto leichter gelingt es dem Gehirn, auch unter Stress auf hilfreiche Zustände zurückzugreifen.
Aus neuropsychologischer Sicht bedeutet dies: Häufig aktivierte emotionale Zustände stärken ihre neuronalen Netzwerke. Wird eine Ressource wiederholt aktiviert, werden die zugrunde liegenden neuronalen Verbindungen stabiler. Dadurch kann das Gehirn in belastenden Momenten schneller auf diese Zustände zugreifen.
Das Fenster der Toleranz
Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist das „Fenster der Toleranz“. Dieses Konzept beschreibt den Bereich emotionaler Aktivierung, in dem ein Mensch handlungsfähig, aufmerksam und reguliert bleibt.
Befindet sich ein Mensch innerhalb dieses Fensters, kann das Nervensystem flexibel reagieren:
Gedanken bleiben klar, Emotionen sind spürbar, aber regulierbar, und Lernen sowie Leistung sind möglich.
Unter starkem Stress kann dieses Gleichgewicht jedoch verlassen werden:
- Übererregung (Hyperarousal): starke Anspannung, Angst, Stress oder Überforderung
- Untererregung (Hypoarousal): Rückzug, Erstarrung, emotionale Abflachung
Ein gut entwickeltes Ressourcennetzwerk hilft dabei, schneller wieder in das eigene Fenster der Toleranz zurückzukehren. Ressourcen wirken dabei wie innere Stabilisierungssysteme des Nervensystems.
Superressourcen und emotionale Resilienz
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, mit Belastungen umzugehen und sich nach Stress oder Rückschlägen wieder zu stabilisieren. Zahlreiche Studien zeigen, dass positive emotionale Zustände eine zentrale Rolle für diese Widerstandskraft spielen.
Positive Emotionen erweitern nachweislich Aufmerksamkeit, Denkflexibilität und Handlungsoptionen. Gleichzeitig unterstützen sie langfristig den Aufbau stabiler emotionaler und sozialer Ressourcen. Dieser Prozess wird in der Forschung als „Broaden-and-Build“-Effekt beschrieben: Positive Emotionen erweitern zunächst die Wahrnehmung und bauen langfristig ein stabileres psychisches Fundament auf.
Die bewusste Aktivierung von Superressourcen kann deshalb dazu beitragen,
- emotionale Stabilität zu erhöhen
- Stressreaktionen besser zu regulieren
- schneller wieder in einen handlungsfähigen Zustand zu kommen
- und langfristig eine größere emotionale Widerstandskraft aufzubauen.
Warum dies Übung für uns Musiker wichtig ist?
Gerade für Musiker ist ein starkes Ressourcennetzwerk besonders relevant. Musikalische Leistung findet häufig unter Bedingungen statt, die das Nervensystem stark fordern: Probespiele, Prüfungen, Bühnenauftritte oder intensive Übephasen.
Wenn in solchen Situationen Stress entsteht, kann der Zugriff auf bereits aufgebaute Ressourcen entscheidend sein. Ein trainiertes Ressourcennetzwerk erleichtert es, auch unter Druck auf hilfreiche emotionale Zustände wie Selbstvertrauen, Ruhe oder Inspiration zurückzugreifen.
Die regelmäßige Aktivierung von Superressourcen kann deshalb dazu beitragen, das eigene Nervensystem stabiler zu regulieren und langfristig eine größere emotionale Belastbarkeit im musikalischen Alltag zu entwickeln.
Wissenschaftlicher Hintergrund von Superressourcen
1. Stolz – Selbstwirksamkeit, Motivation und Leistungsbereitschaft
Die Emotion Stolz gehört zu den sogenannten selbstbewertenden Emotionen. Sie entsteht, wenn Menschen wahrnehmen, dass sie ein Ziel durch eigene Fähigkeiten erreicht haben. Forschung zeigt, dass Stolz eine wichtige Rolle für Motivation, Durchhaltevermögen und Selbstwirksamkeit spielt.
Stolz aktiviert Annäherungsverhalten und erhöht die Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen. Gleichzeitig stärkt er das Gefühl von Kompetenz und Kontrolle über das eigene Handeln. Diese Emotion unterstützt damit genau jene psychologischen Prozesse, die für Lernen, Leistung und Zielverfolgung entscheidend sind.
Studien zeigen außerdem, dass Stolz mit einer typischen Körperhaltung verbunden ist (aufrechter Oberkörper, angehobener Kopf), die kulturübergreifend erkannt wird und wiederum selbst das Gefühl von Selbstwirksamkeit verstärken kann.
Für Musiker ist dieser Zustand besonders relevant, weil ein stabiles Gefühl von Selbstwirksamkeit entscheidend dafür ist, unter Druck auf erlernte Fähigkeiten zugreifen zu können.
2. Dankbarkeit – psychisches Wohlbefinden und Resilienz
Dankbarkeit gehört zu den am besten untersuchten positiven Emotionen. Studien zeigen, dass sie Wohlbefinden, Optimismus und soziale Verbundenheit stärkt. Menschen, die regelmäßig Dankbarkeit aktivieren oder reflektieren, berichten über höhere Lebenszufriedenheit und geringere Stressbelastung.
Dankbarkeit beeinflusst außerdem die Wahrnehmung: Der Fokus richtet sich stärker auf vorhandene Ressourcen und positive Erfahrungen. Dieser Perspektivwechsel kann dazu beitragen, emotionale Stabilität zu fördern und Stressreaktionen abzumildern.
Darüber hinaus stärkt Dankbarkeit soziale Bindungen. Da soziale Unterstützung ein zentraler Faktor für psychische Resilienz ist, kann die Aktivierung dieser Emotion indirekt auch die Widerstandskraft gegenüber Belastungen erhöhen.
3. Ehrfurcht (Awe) – Perspektivwechsel und Erweiterung der Wahrnehmung
Die Emotion Ehrfurcht entsteht typischerweise in Situationen, die als groß, beeindruckend oder überwältigend erlebt werden – etwa bei Naturerlebnissen, Kunst oder Musik. Forschung zeigt, dass Ehrfurcht die Wahrnehmung erweitert und das Gefühl von Verbundenheit mit etwas Größerem stärkt.
Studien zeigen außerdem, dass diese Emotion das subjektive Zeitempfinden verändern kann und häufig mit erhöhter Aufmerksamkeit und Offenheit für neue Erfahrungen einhergeht. Ehrfurcht kann dadurch Kreativität und Inspiration fördern.
Ein weiterer Effekt: Menschen berichten nach Ehrfurchtserlebnissen häufiger von mehr prosozialem Verhalten und größerer Bescheidenheit, da das eigene Selbst im Vergleich zu einem größeren Ganzen relativiert wird.
Gerade im künstlerischen Kontext spielt Ehrfurcht eine besondere Rolle, da sie mit ästhetischer Erfahrung, Inspiration und intensiver emotionaler Beteiligung verbunden ist.
4. Entspannung und Sicherheit – Regulation des Nervensystems
Gefühle von Sicherheit und Entspannung sind eng mit der Regulation des autonomen Nervensystems verbunden. Wenn das Nervensystem Sicherheit wahrnimmt, wird verstärkt der parasympathische Anteil aktiviert, der für Regeneration, Ruhe und Erholung zuständig ist.
Dieser Zustand verbessert nachweislich kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernfähigkeit. Gleichzeitig sinken Stresshormone, und der Körper kann Energie in Regeneration und Informationsverarbeitung investieren.
In der modernen Stressforschung wird Sicherheit deshalb als zentrale Voraussetzung für emotionale Regulation und Lernfähigkeit betrachtet.
Gerade bei Musikern spielt dieser Zustand eine wichtige Rolle, da übermäßiger Stress die Aktivität präfrontaler Hirnareale reduzieren kann, die für Konzentration, Entscheidungsprozesse und Emotionsregulation notwendig sind.
Wissenschaftliche Quellenangaben
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